«Ein Prozent aller Menschen stottert», sagt Professor Wolfgang Braun von der Zürcher Hochschule für Heilpädagogik. Einige wenige von ihnen profitieren im Sommer von einem Camp im St. Gallischen Andwil. Dort lernen stotternde Jugendliche und angehende Logopädinnen und Logopäden gemeinsam den Umgang mit Techniken und der Redeflussstörung an und für sich.
Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer wird 1:1 betreut. Dabei lernen beide. Die stotternden Jugendlichen werden eng begleitet und beobachtet und erhalten wertvolle Tipps und Feedback.
Die angehenden Logopädinnen und Logopäden ihrerseits lernen, zu beobachten und die Techniken selbst anzuwenden. «Manchmal ist es die Stotternde, welche die Übung besser kann, als die Studentin», sagt Wolfgang Braun.
Bei den Übungen geht es nicht nur um Sprechübungen. Es werden auch Atemtechnik und Grundhaltungen zum Lernen vermittelt. Besonders gut eignet sich hier das Bogenschiessen, ist Professor Wolfgang Braun überzeugt: «Nur wer ruhig atmet und viel übt, wird treffen.»
Das Bogenschiessen bietet schöne Metaphern. Der Bogen ist überspannt oder du hast noch einige Pfeile im Köcher.
«Die Jugendlichen sollen sich wohlfühlen und lernen, an sich zu glauben und sich selbst zu vertrauen», sagt Professor Braun. Der erste Reflex, wenn Wörter nicht über die Lippen kommen wollen, sei nachzudrücken. Nur helfe das nicht, sondern bewirke das Gegenteil.
«Das Bogenschiessen bietet schöne Metaphern», sagt Wolfgang Braun. «Der Bogen ist überspannt oder du hast noch einige Pfeile im Köcher.» Solche Weisheiten gibt er den stotternden Jugendlichen gerne mit auf den Lebensweg.
Stottern
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Stottern ist hauptsächlich eine neurologische Störung. Auch genetische Faktoren spielen eine Rolle.
Stottern ist die häufigste Sprechstörung.
Im Erwachsenenalter verschwindet das Stottern meist nicht mehr. Wer als Kind gut trainiert, kann die Redeflussstörung manchmal beheben.
Es wird davon ausgegangen, dass weltweit 1 Prozent der Menschen stottert.
Der Verein Versta bietet in der Schweiz Selbsthilfegruppen an.
Den Umgang mit dem Stottern und Tricks zu lernen, das ist der eine Aspekt des Lagers. Genauso wichtig ist für die Jugendlichen auch der Austausch untereinander. Oft sind sie weit und breit alleine mit ihrer Herausforderung. «Meine Oma hat als Kind gestottert», sagt Adrian. Sonst kenne er niemanden. Der 15-Jährige kommt aus Sion. Er übt die Techniken in Deutsch und Französisch.
Es ist schön zu erfahren, wie andere Jugendliche mit dem Stottern umgehen. So fühlt man sich weniger allein.
Amélie und Adrian sind schon zum zweiten Mal im Stottercamp. Sie haben sich auf das Lager gefreut. Auch wegen der anderen Jugendlichen.
«Es ist schön, andere Jugendliche zu treffen, die stottern», sagen die beiden. Man erfahre, wie sie mit dem Stottern umgehen. «So fühlt man sich weniger allein», sagt Amélie.
Stress bei Vorträgen und Fremden
«In der Schule, wenn ich bei einem Vortrag Stress habe, stottere ich am meisten», sagen die Jugendlichen übereinstimmend. Im Alltag gehe es mit dem Sprechfluss unterschiedlich.
Immer die Techniken anzuwenden, sei streng, sagt Tobias Betschard. Er war früher selbst Teilnehmer, ist dieses Jahr jedoch als Küchenhilfe und als Vorbild für die anderen im Lager. Der 18-Jährige hat soeben seine KV-Lehre abgeschlossen. Jetzt will er die Berufsmatura machen. «Dann stehen mir alle Türen offen», sagt er mit einem grossen Lachen im Gesicht.
Telefonieren ist eine Herausforderung, weil ich das Gegenüber nicht sehe.
Unter Freunden und in der Familie redet Tobias einfach drauflos – sein Stottern ist dort kein Thema. Bei der Arbeit koste der Umgang mit der Spracheinschränkung mehr Kraft: «Vor allem das Telefonieren ist eine Herausforderung, weil ich das Gegenüber nicht sehe», sagt der junge Mann.
Tobias ist für die Jugendlichen ein Vorbild. Sie holen bei ihm Tipps und Mut für den Alltag und die Berufswahl. Diese beschäftigt viele Jugendliche. «Ich überlege mir fest, was ich machen kann», sagt Amélie. Sie wolle mit Menschen arbeiten und habe jetzt entschieden, dass sie das auch könne. Ganz nach dem Lagermotto: «Stottern ist ok!»