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Wahlen in Russland: Putin greift zur Brechstange

Published on 1.1.1970

Im Fernsehstudio begrüsst die Moderatorin zur Wahldebatte in der Region Rjasan. Dann folgt jedoch eine Totalaufnahme, die zeigt, dass die Rednerpulte neben ihr leer sind. «Die Kandidierenden sind zur Debatte nicht erschienen, deswegen verabschiede ich mich», so die Moderatorin.

Die Kandidierenden sahen in der Elefantenrunde wohl keinen Sinn. In Russland sind Wahlresultate eine ausgemachte Sache.

Gezielt langweilig

Der Enthusiasmus in der Bevölkerung war nicht grösser als bei den Kandidierenden in Rjasan. Einer Umfrage zufolge war zwei Dritteln der Befragten wenige Monate vor dem Urnengang gar nicht bewusst, dass Wahlen stattfinden würden.

Wladimir Putin aber interessiert sich für die Wahlen. Offiziell ist Russland eine Demokratie, Putin schöpft seine Legitimität aus dem Volkswillen. Und er sorgt dafür, dass das Volk den korrekten Willen zum Ausdruck bringt.

Lange stand der Putinismus für eine Art entwickelte Autokratie, in der Wahlresultate nicht einfach erfunden wurden. Stattdessen wurden sie akribisch herbeigemanagt. Durch Gängelung und Wahlgeschenke, die Gleichschaltung der Medien und die Beseitigung aller ernst zu nehmenden Gegner: Das Volk sollte dazu gebracht werden, tatsächlich mehrheitlich seine Stimme für Putins Partei abzugeben. Ein solches Resultat fühle sich für die Bevölkerung «echt» an, so die Devise der Wahlmanager im Kreml. Absurde Erdrutschsiege hingegen wirkten zu künstlich und schadeten daher der Legitimität.

Älterer Mann in Anzug sitzt an Holztisch mit Notizbuch.
Legende: Die Kreml-Partei Einiges Russland fährt bei den Parlamentswahlen das beste Ergebnis ihrer Geschichte ein. Den Volkswillen bildet das Resultat jedoch nicht ab. IMAGO / ZUMA Press

Der Krieg macht die Aufgabe der Wahlmanager schwieriger. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wächst, für Wahlgeschenke ist kein Geld mehr da. Der Kreml wollte darum offenbar einen möglichst langweiligen Wahlkampf inszenieren, das Reizthema Krieg vermeiden und auf seine alternde Kernwählerschaft und an die Urne gedrängte Staatsangestellte setzen.

Putins Eingreifen

Doch dann schaltete sich Putin ein: In einer unüblichen Rede am Vorabend der Wahlen wandte er sich an die Russinnen und Russen. Der Volksentscheid werde erneut zeigen, so Putin, dass Millionen Menschen hinter den russischen Soldaten in der Ukraine stünden. Gemeinsam werde man Russlands Feinden zeigen, dass das Land geeint sei – die Teilnahme an den Wahlen sei damit ein Beitrag zum Sieg Russlands.

Damit war die Wahl unweigerlich mit dem Krieg, mit Putin und seinem Vermächtnis verbunden. Ein konstruiertes, deutliches, aber doch knapp glaubwürdiges Resultat genügte nicht mehr. Um den von Putin geforderten Kantersieg zu erreichen, dürften die Wahlmanager mehr als je zuvor zu direkter Wahlfälschung gegriffen haben. Die Kreml-Partei Einiges Russland feiert nun ein Rekordergebnis, acht Prozentpunkte mehr als bei den letzten Wahlen. Das Resultat ist kaum überzeugend. Menschen aus allen Schichten in Russland wünschen sich ein Ende des Krieges. Sogar staatliche Umfragen zeigen das inzwischen.

Unglaubwürdige Wahlresultate bergen für Autokraten auch Vorteile – je dreister gefälscht wird, desto klarer ist das Zeichen, dass jede Widerrede erstickt ist, dass das Regime tun kann, was es will. Der Putinismus hat dieses Stadium längst erreicht.

Calum MacKenzie

Russland-Korrespondent

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Calum MacKenzie ist Russland-Korrespondent von Radio SRF. Er hat in Bern, Zürich und Moskau Osteuropa-Studien studiert.

Echo der Zeit, 21.9.2026, 18 Uhr

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