Bekommen Tiere die gleichen Medikamente wie wir? Was passiert, wenn ein dickes Fell kaum Sicht auf die Haut ermöglicht? Solche Fragen beschäftigten die beiden Humanmediziner Afreed Ashraf und Willi Balandies. «Können wir auch Tiere?», stand am Anfang eines neuen Selbstversuchs. Für das SRF Format «Puls Check» sind die beiden Ärzte und SRF-Hosts regelmässig auf der Suche nach neuen Arbeitseinsätzen, in denen sie einen Blick hinter die Kulissen werfen und dabei selbst Hand anlegen.
«Puls Check» Einsatz im Tierspital
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Fündig wurden sie im Universitären Tierspital Zürich, das die Türen öffnete. Willi Balandies und Afreed Ashraf durften insgesamt drei Tage auf verschiedenen Abteilungen des Tierspitals arbeiten und beobachten. Ziel der Übung: «Wir wollten herausfinden, wie die beiden Disziplinen voneinander lernen und profitieren können», sagt Willi Balandies.
Zwei Ärzte, eine Herausforderung
Zwar überschneiden sich viele Aufgaben in den beiden Fachgebieten, doch nicht alle Herausforderungen sind gleich. Unter anderem assistiert Afreed Ashraf der Tierärztin Maya Kummrow bei der Kastration einer Schildkröte. Bei diesen Tieren liegen Hodensack und Lunge ganz nah beieinander – nicht wie beim Menschen: «Beim Eingriff gab es Komplikationen mit starken Blutungen», wird Afreed Ashraf nach der Operation erzählen.
Die beiden berichten von ihren Erlebnissen. Wo unterscheidet sich die Humanmedizin von der Tiermedizin? Welche Gemeinsamkeiten gibt es? Wo stossen sie an ihre Grenzen? Die beiden Humanärzte werden vom Tierspital direkt ins kalte Wasser geworfen. Hände desinfizieren, sterile Handschuhe anziehen, OP-Kleidung überstreifen. Los geht's.
Afreed Ashraf: Schildkröten-OP und Katzensprache
Afreed Ashraf
Arzt und SRF Host «Puls Check»
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Afreed Ashraf arbeitet auf der Inneren Medizin im Lindenhofspital in Bern. Neben dieser Tätigkeit bringt er Erfahrung aus der Notfallmedizin mit und engagiert sich in der medizinischen Lehre an der Universität Bern. Gemeinsam mit Willi Balandies steht er regelmässig für das SRF Format «Puls Check» vor der Kamera. Darin stellen sich die beiden Ärzte neuen Herausforderungen, packen selbst mit an und übernehmen Verantwortung, um dem Publikum lebensnahe Einblicke in die Welt der Medizin zu ermöglichen.
«Mein erster Patient heisst Callisto, er ist eine 18-jährige männliche Schildkröte und wird heute kastriert. Das bedeutet: Rechts und links vom Panzer muss jeweils ein Hoden raus.
Bereits nach wenigen Minuten wird mir bewusst, dass ich hier weit mehr bin als nur ein Zuschauer. Ich darf die Tierärztin Maya Kummrow bei einer Kastration unterstützen und das Endoskop führen. Sie schaut mich an und sagt: ‹Du bist mein Auge. Wenn du nichts siehst, sehe ich auch nichts.› Mit einem Schlag trägt jede meiner Bewegungen Verantwortung.
Ich versuche, ihr immer genau das Bild zu liefern, das sie für den nächsten Schritt benötigt. Was von aussen ruhig aussieht, ist Millimeterarbeit. Dass mein Tag so losgeht, hätte ich wirklich nicht erwartet.
Die Operation der Schildkröte verläuft zunächst planmässig. Maya klemmt rund um den ersten Hoden alle Blutgefässe ab, und ich versuche gleichzeitig, das Endoskop mit der Kamera so ruhig wie möglich zu halten. Alles ist bereit für den entscheidenden Schnitt.
Doch dann passiert es. Callisto beginnt plötzlich zu bluten. Für einen Moment wird es hektisch. Woher die Blutung kommt, wissen wir vorerst nicht. Doch Maya reagiert sofort. Denn bei einer Schildkröte kann bereits ein kleiner Blutverlust lebensbedrohlich werden. In diesem Moment wird mir bewusst, wie schnell aus einer Routineoperation ein Notfall werden kann.
Nach dem Setzen von ein paar zusätzlichen Klammern lässt sich die Blutung stoppen. Warum Callisto so stark geblutet hat, erfahren wir bei der Entnahme seines zweiten Hodens. Hier kommt die sehr gelbe Leber zum Vorschein. Dies könnte erklären, weshalb sein Blut so schlecht gerinnt und eine Blutung schnell zu einem Problem werden kann.
Der nächste Patient heisst Lennon. Er ist ein dreijähriger Kater und er hatte einen Harnröhrenverschluss, ausgelöst durch Stress. Dass Stress so etwas auslösen kann, ist mir aus der Humanmedizin gänzlich fremd. Für Lennon geht es heute nach Hause. Aber bevor es soweit ist, wird er zuerst noch einmal gründlich durchgecheckt und von seinem Katheter befreit.
Bevor wir Lennon berühren, hält mich die Tierärztin Solène Meunier zurück und gibt mir klare Anweisungen: ‹Kopf-, Pfoten- und Po-Bereich sind die heiligen Bereiche der Katze. Schau Lennon nicht direkt in die Augen und gib ihm Zeit.› Zunächst ist mir nicht bewusst, wie entscheidend diese Hinweise sind. Doch schon wenige Minuten später weiss ich, dass genau das darüber entscheidet, ob Lennon mit uns oder gegen uns arbeitet.
Tierkommunikation – So verständigen sich Tiere
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Ob Fell, Federn oder Panzer – Tiere «sprechen» selten mit Worten. Die meisten Informationen werden über Körpersprache, Mimik, Laute, Gerüche oder Berührungen übermittelt. Wer diese Signale versteht, erkennt oft früh, ob ein Tier entspannt, gestresst oder krank ist.
Katzen
Katzen kommunizieren vorwiegend über ihre Körpersprache.
- Schwanz aufrecht = Begrüssung und Vertrauen
- Langsames Blinzeln = Entspannung und Zuneigung
- Angelegte Ohren = Angst oder Abwehr
- Schnelles Schwanzzucken = Häufig Erregung, Anspannung oder auch leichte Irritation; Konzentration z.B. beim Beobachten von Beute
- Schnurren = Meist Wohlbefinden, kann aber auch Stress oder Schmerzen signalisieren
Schildkröten
Schildkröten sind eher stille Tiere und kommunizieren hauptsächlich über das Verhalten.
Kopf und Hals ausgestreckt = Neugier oder Aufmerksamkeit
Kopf eingezogen = Unsicherheit oder Schutz
Anrempeln oder Schieben = Dominanz oder Balz
Zischen = Abwehrreaktion beim Erschrecken
Geruchssignale spielen bei der Partnerwahl und Erkennung von Artgenossen eine wichtige Rolle
Pferde
Pferde sind Herde- und Fluchttiere und lesen feinste Körpersignale ihrer Artgenossen.
Ohren nach vorn = Aufmerksamkeit
Ohren angelegt = Warnung oder Aggression
Schweifschlagen = Ärger, Unwohlsein oder zur Insektenabwehr
Leises Schnauben = Nicht immer, aber oft Entspannung, positives Signal für andere Pferde
Wiehern = Kontaktaufnahme über grössere Distanz
Hunde
Hunde kommunizieren mit Körperhaltung, Mimik und Lauten.
Locker wedelnder Schwanz = Freundlich oder aufgeregt
Eingeklemmter Schwanz = Angst oder Unsicherheit
Spielaufforderung (Vorderkörper tief) = «Komm, spiel mit!»
Knurren = Warnsignal
Lecken der Lippen oder Gähnen = Stress oder Beschwichtigung
Wanderfalken
Wanderfalken kommunizieren besonders während der Brutzeit und der Jagd.
Rufe = Revier verteidigen oder Partner kontaktieren
Luftakrobatik = Balzverhalten
Körperhaltung am Horst = Drohung oder Schutz
Blickkontakt und Kopfbewegungen = Aufmerksamkeit und Abstimmung
Fütterungsrufe der Jungtiere = Betteln nach Nahrung
Kühe
Kühe sind sehr soziale Tiere mit einer ausgeprägten Kommunikation untereinander.
Muhen = Kontakt, Trennung oder Hunger
Leises Brummen = Beruhigung zwischen Mutter und Kalb
Ohrenstellung = Aufmerksamkeit oder Unsicherheit
Ohren nach vorn = Aufmerksamkeit gegenüber einem Reiz
Ohren seitlich oder locker = Entspannter Zustand
Häufige Ohrbewegungen = Erhöhte Wachsamkeit oder Unsicherheit
Kopf senken = Warnung oder Drohung
Lecken = Soziale Bindung und Fellpflege
Ich beobachte Solène ganz genau. Sie erkennt an Lennons Verhalten Dinge, die mir komplett entgehen. Mir wird klar, dass ich zwar Medizin gelernt habe, die Sprache der Katzen und ihre Nuancen aber erst noch lernen muss zu verstehen.»
Willi Balandies: Monsterinfusions-Beutel und Trächtigkeitstest bei Kühen
Willi Balandies
Arzt und SRF Host «Puls Check»
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Willi Balandies arbeitet als Arzt an der Universitätsklinik für Dermatologie des Inselspitals Bern. Neben seiner Tätigkeit in der Klinik steht er gemeinsam mit Afreed Ashraf regelmässig für das SRF Format «Puls Check» vor der Kamera. Darin stellen sich die beiden Ärzte neuen Herausforderungen, packen selbst mit an und übernehmen Verantwortung, um dem Publikum lebensnahe Einblicke in die Welt der Medizin zu ermöglichen.
«Als Dermatologe staune ich bei der morgendlichen Führung durchs Tierspital über die vielen ungewohnten Dimensionen. Operationssäle kenne ich. Doch das hier ist wirklich eine ganz andere Welt.
In einem Saal liegt ein Pferd bereit für seine Kieferoperation. Es liegt auf dem Rücken, seine Hufe sind fein säuberlich eingepackt in Plastikhandschuhe, die aussehen wie kleine Schuhe. Für Notfälle ist es mit einem Beatmungsbeutel verbunden, der rund viermal grösser ist als bei einem Menschen. Das ist crazy. Staunend gehe ich in den nächsten Saal.
Hier klingt es sehr vertraut. Wie bei der Orthopädie bei Menschen, denke ich mir. Doch dann springt mir etwas ins Auge, das einfach absurd gross ist. Der Infusionsbeutel hier ist ein Kanister und fasst zehn Liter. Bei Menschen würde man jemanden mit so einer Infusionsmenge umbringen, denke ich schmunzelnd. Vieles kommt mir bekannt vor. Trotzdem fühlt sich alles vollkommen anders an.
Nach dem Rundgang wartet die eigentliche Challenge auf mich. Gemeinsam mit Tierarzt Christian Straub fahre ich auf den Strickhof. Dort assistiere ich ihm bei Trächtigkeitsuntersuchungen von Kühen. Für mich, der sich als Arzt vorwiegend mit der Haut auskennt, wirklich eine Herausforderung. Meine Ultraschallerfahrungen liegen weit zurück im Studium. Einen Fötus darauf zu erkennen – schwierig.
Doch mit jeder Untersuchung wird mein Blick sicherer. Schliesslich erkenne auch ich den Embryo. Ich schaue zu Christian und sage: ‹Sie ist auch trächtig.› Ich muss grinsen. Dieser kleine Erfolg fühlt sich für mich plötzlich ziemlich gross an.
Einen Tag später bin ich bei den Pferden im Einsatz und muss lernen, wie man das Vertrauen zu den Tieren aufbaut. Gemeinsam mit Tierärztin Hannah Junge untersuche ich eine frisch operierte Stute und ihr vier Tage altes Fohlen.
Sie zeigt mir, wie man ein Pferd mit seiner Körpersprache deutet. So zeigen Pferde Bauchschmerzen zum Beispiel, indem sie den Kopf zum Bauch richten. Auch gewisse Gesichtsausdrücke können auf Schmerzen hindeuten. Das kenne ich so aus meinem Alltag als Dermatologe nicht. Hier kann ich ja einfach fragen, wo der Schuh drückt.
Schritt für Schritt lerne ich die Pferdesprache. Nach der Untersuchung der Stute und ihres Fohlens bin ich regelrecht euphorisch. Doch leider ist dieses Gefühl nicht von langer Dauer. Dann nimmt mein Tag bei den Unpaarhufern jäh eine unerwartete Wendung.
Ein paar Strassen weiter stehe ich in der Pathologie vor einem Pferd, das wegen einer schweren Kolik am Vorabend eingeschläfert werden musste. Gemeinsam mit Tierärztin Natalie Miller-Collmann suche ich auf einem Tisch zwischen den ausgebreiteten Organen nach der Ursache des Leidens. Schon bald entdecken wir etwas – einen sogenannten Lipoma pendulans im Dickdarm.
Solche gutartigen Fettgeschwülste können sich um den Darm wickeln und dabei die Blutversorgung unterbrechen. Genau das ist hier passiert. Der betroffene Darmabschnitt wurde nicht mehr durchblutet und ist schliesslich abgestorben.
Doch während wir den Darm genauer untersuchen, fällt mir als Dermatologe noch etwas anderes ins Auge: ein kleiner dunkler Fleck. Das ist ein Melanom. Es stellt sich heraus, dass es bereits in den Darm metastasiert hat. Dass ich darauf hier treffe, hätte ich nicht gedacht.»
Einsatz im Tierspital – ein Fazit
Nach drei Tagen treffen sich die beiden Humanmediziner, um sich über die erlebten Erfahrungen auszutauschen. Sie sind mit einer einfachen Frage in das Abenteuer im Universitären Tierspital Zürich gestartet. Können sie als Humanmediziner auch Tiermedizin? «Damals hätten wir wohl gesagt: Jein», sagt Afreed Ashraf.
Die beiden müssen schmunzeln: «Nach dem ersten Tag im Tierspital wurde mir klar, dass Tiermedizin zwar auf denselben medizinischen Grundlagen aufbaut, aber in völlig anderen Dimensionen praktiziert wird», sagt Willi Balandies.
Bei verletzten oder kranken Tieren spielt Geld für die weitere Behandlung oft eine Rolle und je nach dem darf aktiv eine Tötung in Betracht gezogen werden.
Nach dem Einsatz im Tierspital analysieren sie auch, dass technisch alles möglich sei – wie beim Menschen. Einschränkungen gebe es nur dann, wenn die Dimensionen ausserordentlich klein oder eben sehr gross sind, «wie zum Beispiel bei einem Elefanten oder einem Hamster».
Neben den Dimensionen gibt es je nach Situation aber auch ganz andere Entscheide, die gefällt werden müssen: «Bei verletzten oder kranken Tieren spielt Geld für die weitere Behandlung oft eine Rolle, und je nach dem darf aktiv eine Tötung in Betracht gezogen werden», sagt Balandies und zwar auch unabhängig von den Heilungschancen. Das sei für Tierhalterinnen und Tierhalter oft ein grosses Dilemma. In der Humanmedizin sei das natürlich anders.
Während der drei Tage wird ihnen bewusst, wie nah und doch weit weg die beiden Disziplinen sind und was alles dahintersteckt. «Deshalb verlassen wir das Tierspital nicht mit dem Gefühl, Tiermedizin nun zu beherrschen, sondern mit grossem Respekt vor den Menschen, die sie jeden Tag ausüben.»