Ob Hexenschuss, Verspannung oder Arthrose: Wenn es zwickt oder schmerzt, greifen viele zu Salben oder Tabletten mit dem Wirkstoff Diclofenac. Die Produkte sind bekannt unter Markennamen wie Voltaren oder Ecofenac.
Diclofenac ist eines von drei Arzneimitteln mit gesetzlichem Grenzwert im Wasser – und jenes mit den häufigsten Überschreitungen. Weil der Körper den Wirkstoff kaum abbaut, gelangt er beim Händewaschen, Duschen oder über die Toilette in die Abwasserreinigungsanlagen und von dort in Gewässer.
Jährlich 100'000 Tuben in der Aare bei Brugg
Besonders hohe Rückstände werden in der Aare bei Brugg AG gemessen. Bis zu 1.5 Kilogramm des Wirkstoffs werden täglich bei der Messstation registriert. Im Jahr sind es 250 Kilo. «Eine Vierteltonne entspricht dem Inhalt von etwa 100'000 Tuben», sagt Martin Märki, Leiter Umweltlabor des Kantons Aargau.
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Bild 1 von 4. In der Aare bei Brugg werden häufig hohe Diclofenac-Werte gemessen. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. Die Wasserproben werden im Umweltlabor des Kantons Aargau ausgewertet. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. Martin Märki leitet das Umweltlabor des Kantons Aargau. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Bei Wasserproben wird der Grenzwert für Diclofenac häufig überschritten. Bildquelle: SRF.
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«Bei den gemessenen Konzentrationen können Nieren, Kiemen oder Lebern von Fischen Schaden nehmen.» Vor allem im Winter lägen die Tageswerte teilweise über den gesetzlichen Vorgaben. Im Sommer sei die gemessene Belastung kleiner, weil Sonnenlicht Diclofenac abbaut.
Fische und andere Wasserlebewesen sind eigentlich dauernd Diclofenac ausgesetzt.
Auch das Wasserforschungsinstitut Eawag untersucht Mikroverunreinigungen. Mit Diclofenac besonders belastet seien die mittelgrossen und grossen Fliessgewässer im dicht besiedelten Mittelland und im Jura. Die Situation sei besorgniserregend: «Fische und andere Wasserlebewesen sind eigentlich dauernd Diclofenac ausgesetzt», sagt Christian Stamm, stellvertretender Direktor der Eawag.
Nur wenige Kläranlagen können Diclofenac abbauen
Eine Pionieranlage zum Abbau des Schmerzmittels steht in Renach AG. Bereits vor zehn Jahren wurden die Klärbecken mit einer zusätzlichen Reinigungsstufe erweitert. Hier entfernt eine Ozon-Anlage Mikroverunreinigungen wie Diclofenac. In zwei grossen Becken wird das Wasser mit Ozon begast.
«Ozon hat den Vorteil, dass es mit allen Stoffen oxidieren will und so Mikroverunreinigungen aufspaltet», sagt Reto Pfendsack, Betriebsleiter der ARA Reinach. Das geklärte Abwasser, das hier in Reinach in den Bach fliesse, sei praktisch frei von Diclofenac.
Solche Anlagen sind in der Schweiz aber selten. Rund 700 Kläranlagen gibt es hierzulande, Ende 2025 hatten erst 42 eine zusätzliche Reinigungsstufe, 24 befanden sich im Ausbau. Bis im Jahr 2040 müssen laut Gewässerschutzgesetz 140 Anlagen aufgerüstet sein, bis 2050 sollen es 440 sein.
Die Kosten für dieses massive Infrastrukturprojekt werden auf drei Milliarden Franken geschätzt, finanziert über einen nationalen Fonds und Abwassergebühren.
Salbenreste im Müll entsorgen
Müsste die Aufrüstung angesichts der Folgen der Diclofenac-Konzentration in den Gewässern nicht schneller erfolgen? Das Bundesamt für Umwelt schreibt auf diese Frage: «Die Planung und der Bau einer Reinigungsstufe zur Elimination organischer Spurenstoffe beansprucht Zeit. Damit der Ausbau ökologisch sinnvoll und wirtschaftlich effizient erfolgt, sollte dieser zudem in den Lebenszyklus einer ARA integriert werden.»
Was den Flüssen und ihren Bewohnern schneller hilft: Diclofenac sparsam nutzen und Gelreste nicht abwaschen, sondern mit einem Papiertuch im Müll entsorgen.