Wer in der Schweiz einen Kaugummi oder Zigarettenstummel auf den Boden wirft, wird gebüsst oder zumindest mit einem bösen Blick bestraft. Kaum vorstellbar, dass stinkende Abfallberge in offenen Deponien am Dorfrand vor einigen Jahrzehnten noch ganz normal waren.
Erst Ende der 1970er-Jahre wachsen die Sorgen über die Folgen der Umweltsünden. 1985 tritt das nationale Umweltschutzgesetz in Kraft. Damit sind auch die Kantone in der Pflicht, sich um das Thema zu kümmern. Im Aargau entsteht – wie in vielen anderen Kantonen – eine Abteilung für Umwelt. Vierzig Jahre später ist ihre Arbeit nicht weniger geworden, nur die Schwerpunkte haben sich geändert.
Wachstum wichtiger als Umwelt
Der Blick in die Vergangenheit zeigt: Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt die Schweiz einen Wirtschaftsboom. Fabriken produzieren auf Hochtouren, Autobahnen werden gebaut, neue Kraftwerke und Wohnsiedlungen entstehen. Die Kehrseite des Fortschritts: Die Umwelt spielt damals eine untergeordnete Rolle.
Abfälle landen auf Deponien am Dorfrand, Gewässer werden belastet. In den 1970er-Jahren stellen Fachleute etwa erhöhte Nitratwerte im Grundwasser fest. Als mögliche Ursachen gelten Überdüngung und der Einsatz von Klärschlamm.
Als das Thema Umweltschutz wichtiger wurde, sei das vor allem bei den Jüngeren gut angekommen, erinnert sich Fritz Zimmermann, der damals als Umweltkontrolleur bei der Aargauer Abteilung für Umwelt arbeitete. «Die ältere Generation konnte mit dem Umweltschutz nicht viel anfangen.»
Bauer lässt Feld von Kontrolleur pflügen
Diese Einstellung zeigte sich auch im Arbeitsalltag. Als Fritz Zimmermann einen Bauern wegen eines verunreinigten Bachs kontrolliert, erklärt ihm dieser, dass er die nötigen Unterlagen schon holen könne. Zimmermann müsse in dieser Zeit einfach für ihn das Feld pflügen. «Das habe ich dann auch gemacht», erzählt Zimmermann. Der Bauer sei erst nach zwei Stunden zurückgekommen, als das Feld fertig gepflügt war.
Eines der grossen Themen in den Anfängen war für Zimmermann die Sondermülldeponie Kölliken. Sie geht als «grösste Altlast der Schweiz» in die Geschichte ein.
Die Geschichte der Sondermülldeponie Kölliken
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Bild 1 von 7. Eröffnung der Sondermülldeponie Kölliken. Trotz Einsprachen und Beschwerden aus der Bevölkerung wird die Sondermülldeponie Kölliken am 16. Mai 1978 eröffnet. Auf dem Gelände war zuvor eine Tongrube der Tonwerke Keller AG. Bildquelle: KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/STR.
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Bild 2 von 7. Sondermüll statt Kehricht. Schon kurz nach der Eröffnung ist klar: Aus der Kehrichtdeponie ist eine Sondermülldeponie geworden. Man habe sich «falsch verstanden», heisst es. Trotzdem ist der Widerstand in der Bevölkerung noch gering. Man glaubte den Behörden: Die Tongrube sei dicht und sicher und die Deponie ein wichtiger Beitrag zum Umweltschutz. Bildquelle: Keystone/STR.
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Bild 3 von 7. Deponiestopp wegen Umweltbelastung. Anwohnerinnen und Anwohner beklagen sich über Gestank und Staub. Viele leiden unter Kopfschmerzen. Später gelangen giftige Stoffe in den Dorfbach. Als dann 1985 im Dorf die Angst grassiert, das Trinkwasser könnte verseucht sein, verfügt der Gemeinderat einen provisorischen Deponiestopp. Bildquelle: KEYSTONE/Michael Kupferschmidt.
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Bild 4 von 7. Erste Untersuchungen des Sondermülls. Erstmals werden Proben des Giftmülls ausgegraben und untersucht. Derweil pochen die Aargauer Regierung und die Industrie darauf, die Deponie wieder eröffnen zu können. Denn: Wohin sonst mit dem Abfall? Bildquelle: DRS Aktuell, 03.10.1985.
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Bild 5 von 7. Die Sondermülldeponie muss weg. 2001 gibt die Aargauer Regierung bekannt, dass das Gift ausgebaggert und entsorgt werden soll. Sechs Jahre später startet die Sanierung. Für die Sanierung wurde über der Deponie eine riesige Halle gebaut. Sie ist luftdicht und in ihrem Innern herrscht ein Unterdruck. Bildquelle: KEYSTONE/Urs Flueeler.
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Bild 6 von 7. Teurer als gedacht. Die Sanierung im riesigen Hallenbau zieht sich hin und ist teurer als gedacht. Das, weil die Abfälle heikler sind als angenommen und eine hohe Brandgefahr besteht. Anfangs rechnete man mit 350 Millionen Franken. Heute weiss man: Es kam fast dreimal so teuer. Bildquelle: KEYSTONE/Alessandro Della Bella.
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Bild 7 von 7. Renaturierung statt Müll. Das Gebiet der ehemaligen Sondermülldeponie Kölliken wurde für 800’000 Franken an Pro Natura und die Gemeinde Kölliken verkauft. Aus der ehemals «grössten Altlast der Schweiz» soll ein Vorzeigeprojekt werden mit Rückzugsgebieten für bedrohte Arten. 2024 startete die Vorbereitung der Rekultivierung. Bis 2030 soll das Projekt abgeschlossen sein. Bildquelle: SRF/Andreas Brandt.
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35 Jahre war Zimmermann Umweltkontrolleur, bis er vor rund zehn Jahren pensioniert wurde. Wenn er zurückblicke, falle ihm auf: «Früher waren die Umweltprobleme sichtbarer: Rauch, eine Deponie, die stinkt, Schaum im Wasser.» Heute seien diese Verschmutzungen häufig nicht mit blossem Auge erkennbar.
Die Sünden der Vergangenheit «aufräumen»
Mit diesen Problemen beschäftigt sich im Aargau heute Heiko Loretan, Leiter der Abteilung für Umwelt. «Es sind immer noch viele Gifte in Umlauf, häufig wegen Chemikalien, die früher eingesetzt worden waren.» Ein grosses Thema seien PFAS – Chemikalien, die kaum mehr aus der Umwelt verschwinden.
«Vor vierzig Jahren hatte man noch das Gefühl, es sei eine gute Idee, Klärschlamm als Dünger zu benutzen», erklärt Loretan. Heute müsse man sich nun darum kümmern, wie man die daraus entstandene Verschmutzung mit PFAS wieder aus dem Boden rausbekommt.
Was sind PFAS?
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PFAS steht für Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen. Chemikalien dieser Gruppe schlummern überall. Im Boden, in Lebensmitteln, im Grundwasser, in der Luft. PFAS sind zwar nicht akut, aber chronisch giftig. Sie reichern sich in der Umwelt und im menschlichen Körper an.
Von einigen PFAS weiss man inzwischen, dass sie gesundheitsschädigend sind. Sie beeinträchtigen etwa die Leber- und Nierenfunktion oder auch das Immunsystem. Zudem können sie Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit haben und krebserregend sein.
PFAS bauen sich in der Umwelt und im menschlichen Körper kaum ab und werden deshalb auch «Ewigkeitschemikalien» genannt.
Auch neue Probleme beschäftigen die Umweltabteilungen, wie die Strahlung im Zusammenhang mit 5G-Antennen, Diskussionen um Kläranlagen oder den Grundwasserschutz.
Dennoch sei in den letzten vierzig Jahren viel passiert, betont Loretan: «In meinem Heimatdorf im Oberwallis war ich damals der einzige Umweltschützer und wurde belächelt. Heute haben wir es geschafft, die Gesellschaft für das Thema Umwelt zu sensibilisieren.»