Im Vorfeld ihrer Wahl zur Fraktionspräsidentin betonte Greta Gysin immer wieder, dass sie es mit allen könne, egal aus welchem politischen Lager. «Ich bin sehr zugänglich und ich kann es sehr gut mit Menschen. Und das unabhängig davon, von welcher Partei, sozialen Realität oder geografischen Gegend sie kommen.»
Offen, kontaktfreudig, umgänglich
Genau das bestätigen alle, die man in Bern fragt – ob links oder rechts. So sagt der Tessiner SP-Nationalrat Bruno Storni über Gysin: «Sie kommuniziert sehr gut. Sie ist sehr offen und kontaktfreudig.»
Auch die Zürcher SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann findet lobende Worte. Die beiden sitzen nicht nur gemeinsam in der Staatspolitischen Kommission, sondern stehen auch zusammen auf dem Fussballplatz. Sie spielen beide beim FC Helvetia, dem weiblichen Pendant zum FC Nationalrat. «Sie ist eine tolle Teamplayerin. Ich muss sie hier loben. Und so wie sie umgänglich ist auf dem Fussballfeld, ist sie auch in der Politik.»
Auch FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen beschreibt Gysin als ausgesprochen umgänglich. Gleichzeitig aber warnt er davor, ihren freundlichen Auftritt politisch falsch zu interpretieren. Inhaltlich sei Greta Gysin keineswegs moderat. Gemäss «NZZ»-Ranking politisieren im Nationalrat nur gerade drei Mitglieder noch weiter links als Greta Gysin.
Fliessend mehrsprachig: «Mein grosses Glück»
Eine weitere Stärke Gysins ist ihre Zweisprachigkeit. Sie ist als Tochter Deutschschweizer Eltern im Tessin aufgewachsen. Neben Italienisch spricht sie deshalb fliessend Hochdeutsch und Schweizerdeutsch. «Das ist mein grosses Glück, auch jetzt in Bern. Es macht vieles um einiges einfacher, wenn man Schweizerdeutsch sprechen und jassen kann. Ich glaube, ich bin die einzige Tessinerin in Bern, die jasst.»
Die Hälfte ihrer Zeit verbringt sie im Tessin, die andere Hälfte in der Deutschschweiz. Der Wechsel zwischen den beiden Kulturen falle ihr leicht. Nur beim Kaffee bestellen müsse sie manchmal kurz überlegen, wo sie gerade sei.
Greta Gysin liebt nicht nur Kaffee oder eben Espresso. Sie spielt auch gerne Fussball, fährt Rennvelo und singt gerne zu Hause mit ihrem Partner. Auffällig ist allerdings: So offen und unkompliziert sie über Politik und Alltagsfragen spricht, beim Privaten wird Gysin zurückhaltend. Sie hat drei Kinder im Primarschulalter und lebt getrennt. Mehr möchte sie dazu nicht sagen.
Es ist schon klar, dass auch mal eine Exekutivtätigkeit infrage käme.
Viel lieber spricht sie über ihre politische Zukunft. Im nächsten Jahr wird auch im Tessin gewählt. Die dort traditionell schwache und zersplitterte Linke will gemeinsam in den Wahlkampf ziehen mit dem Ziel, einen zweiten Regierungssitz zu erobern. Dabei fällt auch immer wieder der Name Greta Gysin.
Dass sie grundsätzlich Interesse an einem Exekutivamt hätte, das verhehlt sie nicht. «Ich habe jetzt 20 Jahre Erfahrung im Parlament und es ist schon klar, dass auch mal eine Exekutivtätigkeit infrage käme.» Ob Regierungsrätin oder gar Bundesrätin, lässt Gysin offen. Ein Exekutivamt trauen ihr auch ihre politischen Freunde und Gegner zu. Allerdings bezweifeln die meisten, dass die Grünen in naher Zukunft einen Sitz im Bundesrat erhalten werden.
Vorerst ist Greta Gysin Fraktionspräsidentin der Grünen. Aber wer weiss, wo sie ihre Politkarriere noch hinführt. Der letzte Tessiner, der ein Fraktionspräsidium führte, war ein gewisser Ignazio Cassis bei der FDP, heute Bundesrat.