Es ist modisch, geheimnisvoll und passt perfekt zur sommerlichen Pastell-Ästhetik aktueller Modestrecken und Social-Media-Feeds: Aussergewöhnlich ist das Auswärtstrikot der belgischen Nationalmannschaft allemal – aber auch erklärungsbedürftig.
Denn das Jersey, in dem sich die «Roten Teufel» so stolz inszenieren, ist vor allem eines: eine Hommage an die Kunstgeschichte und voller Hinweise auf die Bildwelten des belgischen Malers René Magritte (1898–1967) – eines der berühmtesten Künstler des Surrealismus.
Aber: «Die Anleihen sind nur sehr diskret gehalten», sagt SRF-Kunstredaktorin Ellinor Landmann. «Nur eine kleine Prise Surrealismus, in schönen Pastellfarben. Ohne die Kampagne mit dem grünen Apfel und dem steifen Hut können das wohl nur absolute Expertinnen Magritte zuordnen.»
Auf einer Instagram-Bildstrecke der belgischen Nationalmannschaft wird das Vorbild am offensichtlichsten. Die fröhlichen Bilder spielen mit Magrittes bekanntem Selbstporträt «Le fils de l'homme» von 1964. Und – wenig überraschend – die runde Frucht eignet sich bestens für einen Kopfball – und ein Handspiel.
Die Referenzen en détail
Auch die in Rosa und Hellblau gehaltenen Kugelelemente auf dem Trikot-Design, die – logisch – Fussbällen ähneln, sind an Magrittes geliebte runde Formen angelehnt, genauer an Glöckchen in «La voix des airs».
Die Überlagerung der Elemente und die klare Gliederung des Designs in verschiedene visuelle Ebenen, man denke an Linien eines Fussballfeldes, dürften dem Werk «Le Blanc-Seing» entlehnt sein.
Der direkteste Verweis auf Magrittes Schaffen findet sich aber am Trikotkragen, wo in dezenter Schrift «Ceci n’est pas un maillot» (Das ist kein Trikot) zu lesen ist. Der Schriftzug ist eine direkte Hommage an Magrittes Gemälde mit Pfeife, «La trahison des images».
Anfang Bildergalerie
-
Bild 1 von 2. «La trahison des images (Der Verrat der Bilder)» (1929) ist eines der bekanntesten Gemälde von René Magritte. Darauf zu sehen: Eine gemalte Pfeife, darunter der Schriftzug «Ceci n’est pas une pipe (Das ist keine Pfeife)». Der Witz dahinter? Es handelt sich eben nur um das Abbild der Pfeife. Bildquelle: IMAGO / Album.
-
Bild 2 von 2. Clever inszenierter Nationalstolz in 100 Prozent Polyester: Auf dem Trikot findet sich ein direkter Bezug zu Magrittes Meisterwerk (Der Schriftzug «Ceci n’est pas un maillot»), allerdings an einer wenig beachteten Stelle. Bildquelle: IMAGO / Photo News.
Ende der Bildergalerie
«Ganz geht das Spiel mit der Referenz aber nicht auf», meint Ellinor Landmann. «Denn der Schriftzug ist auf die Innenseite des Shirts gedruckt. Sehen tut das in der Regel nur, wer das richtige Shirt tatsächlich in der Hand hält. Ausser natürlich, man ist so angefressen, dass man sich Bilder der Shirts der belgischen Nationalmannschaft im Internet ansieht, so wie wir das jetzt tun.»
Das Männermagazin «Esquire» betitelt das Trikot – wohlgemerkt in einem E-Commerce-Artikel mit Affiliate-Link – gar als «das kunstvollste der Fussball-WM 2026» und findet das Detail am Kragen «besonders smart».
Clever – und kunstvoll?
Nach all der Spurensuche in der Kunstgeschichte lässt einen das Trikot mit vielen Fragen zurück: Ist das hohe (Design-)Kunst oder nur ein gut ausgeklügeltes Mittel zum Zweck, das der belgischen Nationalmannschaft mediale Aufmerksamkeit und Adidas klingende Kassen beschert? Gehen Kunst und Fussball hier eine seltene, vielleicht sogar perfekte Liaison ein? Oder sind die Referenzen letztlich doch zu weit hergeholt, zu plakativ gedacht?
Haben die Designer das Werk mit der Pfeife gar missverstanden? Oder soll die leicht abgewandelte, aber Magrittes Pfeife ähnelnde Pointe uns sagen, dass dieses Trikot zwar ein Trikot ist (und kein reines Abbild eines Trikots) – aber dennoch für weit mehr steht? Als ästhetische Aussage taugt es allemal. Und, ganz wie ein Werk von Magritte, als Sammlerstück. Jedenfalls für all jene, die eines ergattern konnten. Es ist nämlich ausverkauft.