In den Strassen Berlins gehören die rund um die Uhr geöffneten Kioske – die Spätis – ganz selbstverständlich zum Stadtbild. «Diese Art von Geschäft gibt es nirgendwo sonst in Europa. Das ist typisch Berlin», sagt Sahin Karaterzi, zweiter Vorsitzender des Vereins «Berliner Späti», gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS).
Sein Späti «Kiosk 44» im Stadtteil Kreuzberg verkauft bis spät in die Nacht so gut wie alles.
Immer mehr Spätis verschwinden
Seit einigen Jahren jedoch leidet die Späti-Branche an den steigenden Lebenshaltungskosten. Auch klagen Späti-Besitzerinnen und -Besitzer über zunehmende Kontrollen und Strafen. Und über Verkaufsverbote an Sonntagen, also an einem sehr umsatzstarken Tag.
Der Chef des Vereins «Berliner Späti», Alper Baba, rechnete der «NZZ» im Oktober 2025 vor: Seit 2019 habe sich die Zahl der Spätis in Berlin fast halbiert, von damals rund 2000 auf derzeit noch 1000 bis 1200. Gehe der Trend weiter, seien die Läden bald verschwunden.
Die von Baba genannten Zahlen sind Schätzungen seines 200 Mitglieder zählenden Vereins. Offizielle Zahlen gibt es nicht.
Ort des Austauschs durch Corona
Das «Späti-Sterben» überrascht, weil sie noch nie so gut besucht waren wie in den letzten Jahren. Während des Lockdowns infolge der Covid-19-Pandemie gehörten sie zu den wenigen Orten, die noch geöffnet waren.
Die Menschen kamen, um etwas zu kaufen – aber auch für ein Gespräch. Und diese Gewohnheit ist geblieben.
Heute stellen die meisten Spätis Tische und Stühle vor ihrem Laden auf, an denen sich die Kundinnen und Kunden treffen können. «Ich habe das Gefühl, dass die Nachbarschaft gelernt hat, sich hier kennenzulernen», erzählt Denise, Stammkundin des «Anzen»-Späti in Neukölln.
«Man führt Gespräche mit Menschen, denen man im Alltag sonst nicht begegnen würde, weil sie nicht unbedingt zu unserem üblichen Umfeld gehören», fährt sie fort. «Dieser Ort bringt uns zusammen. Ohne ihn hätte ich vielleicht nie richtig mit meiner Nachbarin gesprochen.»
Improvisierte Clubs
Seit einigen Jahren haben sich die Spätis sogar zu Partyorten entwickelt. So verwandelt sich beispielsweise der «Anzen»-Späti einmal im Monat in einen improvisierten Club. «Am Anfang war das überhaupt nicht so geplant, aber ich habe angefangen, den Ort festlicher zu gestalten. Und weil es mir so viel Spass gemacht hat, habe ich mit Rave-Abenden weitergemacht», erklärt Betreiber Mustafa Uyar.
RTS-Reportage vor Ort bei den «Spätis» (dt. Untertitel):
Das Konzept ist in der deutschen Hauptstadt ein voller Erfolg, besonders bei Jüngeren. «Bars und Clubs sind teuer, während man hier ein oder zwei Getränke nehmen kann, ohne zu viel Geld auszugeben», sagt die 16-jährige Viviane.
Neben dem finanziellen Aspekt spielt auch die entspannte Atmosphäre eine wichtige Rolle. Kein Türsteher, kein Dresscode: «Man kann im Jogginganzug kommen», sagt ihre Freundin Anaïs. «Jede und jeder kann hingehen. Du kannst mit deinen Eltern, deinen Grosseltern oder deinen Freunden kommen», ergänzt Freundin Lola.
Eine Theke, ein bisschen Musik und ein paar Stühle auf dem Gehweg – ein Modell, das heute fest zur DNA der deutschen Hauptstadt gehört. Und dessen Zukunft dennoch ungewiss ist.