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Warum Chinas Frauen keine Kinder wollen

Published on 1.1.1970

Chinas Geburtenrate sinkt rasant. Peking kämpft mit Geld und Propaganda um Babys. Doch viele Frauen haben andere Pläne.

«Ich habe heute Morgen einen Anruf von einer lokalen Partei-Kaderfrau erhalten, die mich fragte, ob ich schwanger sei», schreibt eine Frau in den chinesischen sozialen Medien. Sie ist nicht die Einzige. In China erhalten junge Frauen – besonders frisch verheiratete – derzeit ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit von den Behörden. Denn die Geburten sollen steigen.

Als ich acht oder neun Jahre alt war, konnte ich schon alle Hausarbeiten erledigen. Trotzdem sagten sie, ich sei nicht gut genug und niemand würde mich heiraten wollen.

Ausgerechnet in China. Dem Land, das jahrzehntelang eine strikte Ein-Kind-Politik verfolgte. Heute setzt die Regierung zahlreiche Hebel in Bewegung, um die Geburtenrate zu erhöhen. Bisher ohne Erfolg. Chinas Geburten sind auf ein historisches Tief gefallen. Dem Land droht ein rascher Bevölkerungsrückgang.

Druck auf Frauen

Yuan Mao – so nennt sich die 30-jährige Software-Ingenieurin aus Schanghai – ist Single und kinderlos. Nach Schanghai zog sie, weil die Stadt ihr moderner und liberaler erschien als ihre konservative Heimat.

Gemalte Plakate an Wand, Familie im Park, Familie beim Schwimmen.
Legende: Propaganda gehört dazu. Die Poster sollen junge Paare zum Kinderkriegen motivieren. SRF/Samuel Emch

Dort habe die Familie früh erwartet, dass sie einmal heiratet und Kinder bekommt. «Als ich acht oder neun Jahre alt war, konnte ich schon alle Hausarbeiten erledigen. Trotzdem sagten sie, ich sei nicht gut genug und niemand würde mich heiraten wollen.»

Auch nach ihrem Studium drängten Eltern, Onkel und Tanten auf eine Hochzeit. Stattdessen trennte sich Yuan Mao von ihrem Freund. Auch weil er und seine Familie unbedingt einen Sohn wollten. Der Druck wurde ihr zu gross.

Speeddating und Geburtsprämien

So wie ihr geht es vielen jungen Frauen in China. Dazu kommt der enorme Bildungsdruck auf Familien. Eltern investieren grosse Summen in Nachhilfe, Prüfungsvorbereitung und Schulplätze. Für viele Paare sind Kinder deshalb eine finanzielle Belastung.

Zwei Personen vor dem Schild 'Female Health Management Center'.
Legende: Bessere Dienstleistungen für Familien: Vizedirektorin Tang (links) zeigt, wie ihre Stadt Tianmen massiv in das neue Frauen- und Kinderkrankenhaus investiert hat. SRF/Samuel Emch

Die Regierung versucht gegenzusteuern – auch mit Propaganda. In Artikeln wird das Kinderkriegen glorifiziert. Einen Bericht, der Schwangerschaft sogar als krebsvorbeugend und intelligenzfördernd darstellte, mussten die Behörden zurückziehen.

Die Regierung müsste Frauen stärker schützen, damit wir uns in unserer beruflichen Laufbahn sicher fühlen und wissen, dass wir unsere Jobs behalten können.

Die Kommunistische Partei versucht sich auch als Matchmakerin: mit Speeddating-Events und Single-Filmabenden. Gleichzeitig locken Städte und Provinzen mit Geburtsprämien und Kindergeld.

Plakat mit Informationen zu Geburtszuschüssen in China, Tabellen und Bildern.
Legende: Für Familien gibt es zahlreiche Subventionen in Tianmen. Für Familien mit drei Kindern können diese sich auf umgerechnet rund 40’000 Franken summieren. Ein Vielfaches des durchschnittlichen Jahreseinkommens in China. SRF/Samuel Emch

Infrastruktur zum Gebären

Die alternde Provinzstadt Tianmen investiert sogar massiv in ein neues Frauen- und Kinderspital. Vizedirektorin Tang berichtet von kostenlosen Untersuchungen, Gratisfrühstück für Schwangere und Kräuterrauchtherapien für Frauen nach der Geburt.

Ob die Massnahmen wirken, ist unklar. Tang sagt, der Geburtenrückgang sei gestoppt. Demografie-Experten vermuten jedoch statistische Effekte: Manche Bürger melden ihre Kinder nur in der Heimat an, um Subventionen zu erhalten. Fakt ist: Landesweit gab es zuletzt deutlich mehr Todesfälle als Geburten.

Moderner Flur mit Pflanzen und Dekorationen.
Legende: Der Stolz des neuen Frauenspitals ist die Wochenbettabteilung mit all ihren Erholungsangeboten. Das Wochenbett dauert in China bis 40 Tage und kann in Tianmen im neuen Spital verbracht werden. SRF/Samuel Emch

Yuan Mao schliesst Kinder nicht aus. Doch sie fordert bessere Rahmenbedingungen: «Die Regierung müsste Frauen stärker schützen, damit wir uns in unserer beruflichen Laufbahn sicher fühlen und wissen, dass wir unsere Jobs behalten können.» Mehr wirtschaftliche Sicherheit und mehr gesellschaftliche Freiheit würden jungen Frauen den Mut geben, Kinder zu bekommen.

Echo der Zeit, 26.3.2026, 18 Uhr;liea

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