logo

Wie soll Rumänien mit bis zu 12'000 Bären umgehen?

Published on 1.1.1970

14 Menschen getötet Was tut Rumänien gegen die «Bärenplage»?

In Rumänien haben Braunbären in den letzten fünf Jahren 14 Menschen getötet und Hunderte verletzt. Was tun?

Der italienische Motorradfahrer war entzückt, als er die drei putzigen Jungbären mit ihrer Mutter auf der Bergstrasse erblickte. Er hielt an, versuchte die Bären mit blosser Hand zu füttern. Dann fotografierte er sie und postete ein Selfie von sich und den Bären auf einem sozialen Medium.

Dann griff die Bärenmutter an. Beamte fanden seine Leiche im Wald mit Bisswunden, berichteten rumänische Medien. Auf seinem Handy fand die Polizei später ein Video, auf dem er seinen Freunden zuruft: «Seht ihr den Bären? Wie schön er ist.»

Bärin und ein Jungtier im Wald.
Legende: Sie sind süss anzusehen, aber sie können dem Menschen gefährlich werden: Braunbären rücken in Rumänien zunehmend in von Menschen bewohnten Gebiete vor. SRF

In den rumänischen Karpatenwäldern lebt die grösste Braunbärenpopulation Europas mit 10'000 bis 12'000 Tieren. Ihre Zahl nimmt laufend zu. Ökologen und Fachleute schätzen, dass nur etwa 5000 Tiere mit dem natürlichen Gleichgewicht verträglich sind. Demnach gibt es je nach Schätzung etwa 5500 bis 7700 Bären zu viel in den Karpaten.

Umstrittenes Gesetz zum Abschuss von Bären

Immer mehr Menschen in Rumänien verlangen nun nach Massnahmen gegen die «Bärenplage». Etwa die Tierärztin und Ziegenhalterin Filotheea Sima, auf deren Hof im Dorf Corbeni ein Bär eine Ziege gerissen hat. Sie sagt: «Die Behörden sollten mehr tun. Sie sollten die Abschussquoten erhöhen. Viele Organisationen kämpfen für den Schutz der Bären. Aber wer beschützt eigentlich uns?»

Frau mit gemustertem Kleid steht im Garten neben einem Ziegelgebäude.
Legende: Tierärztin und Ziegenhalterin Filotheea Sima möchte, dass mehr Bären abgeschossen werden können. SRF

Ein Gesetz zur deutlichen Erhöhung der Abschussquote hat der rumänische Präsident Nicușor Dan im Juni zurückgewiesen, weil es seiner Meinung nach gegen EU-Recht verstosse und zuerst nach gewaltfreien Lösungen gesucht werden solle.

Doch das Verfassungsgericht wies die Einwände des Präsidenten ab. In der Folge trat vor wenigen Tagen ein Gesetz in Kraft, das den Abschuss von jährlich 859 Braunbären ermöglicht. Dies hat die Kontroverse rund um die Bären erneut verschärft.

Bären sind nicht mehr scheu

Die Jäger möchten deutlich mehr Braunbären schiessen, doch es handelt sich um eine geschützte Tierart. Deshalb versucht Rumänien gemeinsam mit der Slowakei, Kroatien, Finnland und Tschechien den Druck auf die EU-Behörde zu erhöhen. Die fünf Staaten fordern eine Herabstufung des Schutzstatus der Braunbären in der EU-Habitatrichtlinie von «streng geschützt» auf «geschützt». Damit liessen sich künftig präventive Abschüsse rechtlich einfacher legitimieren.

Die Tiere haben zu wenig Nahrung in ihrem Habitat und suchen Futter in den Städten.

Gewaltfreie Massnahmen sind etwa elektrische Zäune, bärensichere Abfallcontainer, aber auch die drastische Erhöhung der Bussen für das Füttern von Bären. Wer erwischt wird, bezahlt bis 30'000 Lei (rund 5300 Franken) Busse.

Doch die abschreckende Wirkung hält sich in Grenzen, wie die rumänische Polizei auf ihren Patrouillen feststellt. Viele der sogenannten Bettelbären haben durch die Fütterung ihre natürliche Scheu vor den Menschen völlig verloren. Trotzdem bleiben sie potenziell tödliche Raubtiere.

Waldabholzung als Problem

Christina Lapis betreibt den Bärenpark «Libearty» mit 130 Tieren in der Nähe von Brasov (Kronstadt). Sie propagiert die chemische Kastration. Sie sagt: «Sogar wenn wir 1000 Bären im Jahr töten, ist das keine Lösung. Das Problem ist die Abholzung der Wälder. Die Tiere haben deshalb zu wenig Nahrung in ihrem Habitat und suchen Futter in den Städten.»

Christina Lapis an einem Zaun im Wald mit einem Jungbär im Hintergrund.
Legende: Mit einer chemischen Kastration würde der Bärenbestand gesenkt. Später könne man mit dieser Form der Nachwuchskontrolle wieder aufhören, sagt Christina Lapis. SRF

Wer immer sich im Kampf gegen die Bärenplage letztlich durchsetzen wird: Es bleibt ein Konflikt zwischen dem Artenschutz und der Sicherheit der Menschen. Eine schnelle Lösung gibt es nicht.

Comments

max. 250 characters